the famous sound of absolute wreaders

von beat suter (19./29.08.2002)

absoluter wreaders ... kunstradio ... hmm. ich werfe zuerst einmal
mein schreibtool nic-las an: gehe zu http://diskurs.cyberfiction.ch
und erstelle eine differenz "absolute wreaders". das
online-schreibtool, das vielen wissenschaftlern angst macht, da es
nicht den definitiven text lobpreist - man kann darin den text eines
anderen verändern oder löschen ohne seine zustimmung -, ist mit einer
ganzen reihe von erweiterungen ausgestattet: kleine programme, die
einen autopoietischen gebrauch des tools ermöglichen und alle stufen
eines fortlaufenden und kollaborativen schreibprozesses fördern. die
subvisuals generieren selbständig suchresultate zum begriff, der
gerade bearbeitet wird. gesucht wird im gesamten internet via
google-suchmaschine. die subvisuals sind zurzeit kleine
google-parasiten. eine eingeschränkte präzise suche in einem einzigen
archiv könnte angebunden werden. die resultate geben mir einige
treffer. nummer eins ist frieder rusmanns ausstellungsbeitrag
"wertschöpfung" in der kunsthalle bern. nummer 3 ist vielleicht
weniger treffend: ein secondhand-vogel-buch mit seltenen vogelarten.
und nummer 4 verweist auf eine text-kompilation von heiko idensen zum
thema cyberspace und literatur. das witzige daran ist, dass diese
text-kompilation nicht nur zahlreiche materialien zum thema
"wreader=writerreader" bringt, sondern auch bereits durch ein
weiteres erweiterungsprogramm von nic-las, das lookingglass indexiert
wurde. das kommentierungstool zeigt in einer über die website
gelegten maske, was bereits an kommentaren zu idensens text
hinterlassen wurde. ausserdem gibt es eine präzise auflistung der
verwendeten wichtigsten begriffe innerhalb des textes: der begriff
"wreaders" im plural wurde einmal verwendet, der begriff liebe bsp.
sechs mal und die begriffe spiele und technik sieben mal. ein
vorstoss zur begriffserwähnung "wreaders" bei idensen liefert einen
verweis auf ulrike bergermann, die auf landow und kristeva bezug
nimmt:

«George Landow bezeichnet es als zentrales Kriterium digitaler Texte,
daß sie gleichzeitig von mehreren "usern" gelesen und bearbeitet
werden können; er unterscheidet grundsätzlich die "read-only
hypertexts" von den "networked
systems", denn die besondere Bedeutung von "networked textuality"
erscheine, wenn die Technologie die Leser (readers) in Autoren-Leser
(reader-authors) transformiere - er nennt diese "wreaders" (4). Die
Formulierung "wreader" erscheint als direkte Wiederaufnahme von Julia
Kristevas Schreiben-Lesen, der
"écriture-lecture". Ihre Darstellung des Textbegriffs läßt sich wie
die Vorwegnahme der Arbeit mit Hypertexten lesen.»


was ist ein "absoluter wreader"?

bei idensen stosse ich über niels werber auf norbert bolz, der
wiederum auf idensen stösst ... verweise im kreise ... so geht das im
netz. zitate zitieren sich selbst am besten. es wird ständig
weitergeschrieben. dabei schreibt manchmal der text selbst mit am
text. der autor wird zum staunenden leser, während der leser zum
autor, mitautor oder wenigstens mitarbeiter am text wird.

«Bolz hat angedeutet, die Differenz von Autor und Leser spiele im
Internet keine Rolle mehr und das abgeschlossene Kunstwerk werde
seiner Grenzen entledigt. Für die Literatur bedeutet das: "Die Poesie
soll von allen gemacht werden!", wie ein Aufsatztitel von Heiko
Idensen programmatisch fordert.(30) Idensen schreibt: "Im Gebrauch
digitaler Informationsnetzwerke bricht der für die abendländische
Kultur konstitutive wesentliche Unterschied zwischen Schreiben und
Lesen, Senden und Empfangen, Bezeichnen (Codieren), Interpretieren
(Decodieren) zusammen: Produktion, Verbreitung, Interpretation,
Kommentierung, Retrieval von Informationen spielen sich in einem
hypermedialen Netzwerk offener Verweis-, Navigations- und
Strukturierungsoperationen ab." (S. 146)» Verweise überall hin,
Verweise in die weite wilde Welt hinaus, Verweise im Kreise ... so
geht das.


I


annäherung an frieder rusman:

- jeder betreibt einen online-shop und will die grosse kasse machen,
frieder rusman bittet zum ultimativen e-commerce-erlebnis mit seinem
fabrik-ver-kauf - und propagiert: avantgarde is wurscht! und mir ist
auch schon ganz warm ums herz.
- jeder macht kunst für die ewigkeit oder lässt sich einen alten
meister restaurieren, rusman bittet um den natürlichen tod des
kunstwerks in kunsttot: er will falten für mona lisa, das verbot von
kunstdrucken, verlangt, dass schluss gemacht wird mit ausstellungen
der klassischen moderne. wohlan denn, das zeug rottet eh vor sich hin.
- jeder wünscht sich einen klon aus seinen ureigenen genen, rusman
erfindet die ultimative wertschöpfung, indem er zum permutativen
klonen von picasso-zellen bittet und dem zufall die wahl überlässt.
applaus! applaus! wer kann schon aus picasso-zellen dolly-schafe
herstellen?
- jeder betreibt ein weblog und hat viel viel zu sagen, rusman bittet
um eine lange reise durchs log-istische nadelöhr und lässt die
reisenden sich dabei selbst beobachten.

johannes auer: log-buch einer gemeinsamen reise

m a c h i n e
wonderful
m a c h i n e
blackwhite
m a c h i n e
neverstoptalk
m a c h i n e

(logbucheintrag vom 27.05.2002 um 22:48:34)

192.6.19.124 is the home.
On 30.07.2002 at 00:01:34 I arrived.
Mozilla/4.0 (compatible; MSIE 6.0; Windows NT 5.0; Hewlett-Packard
IE5.5-SP2) is my eye, ear, assistant.
I came from nowhere.
And en-us is my mother tongue.
no i'm not web surfing away my day

144817 buchstaben, 29745 wörter dauert die gemeinsame reise nun schon
(19.08.2002) - und ein ende ist nicht abzusehen. der computer ist
mein zuhause. seine identität wird von rusmans logbuch schonunglsos
aufgedeckt. [195.65.73.117]: eine magische vierteilige zahl. doch
vierteilen ist heute keine anerkannte praxis mehr, jedenfalls
ausserhalb von texas. das datum und die präzise uhrzeit der ankunft
liest uns das logbuch vor. so schnell sind wir also schon angekommen?
dabei sind wir ja erst aufgebrochen ... ob wir da wohl die lösung für
die teleportation gefunden haben? käptn kirk fragen. hmm. jetzt
reisen wir halt gemeinsam weiter und lesen uns durch die abfahrtsorte
und -daten hindurch. als transport-vehikel benutzten wir einen
mozilla 4.0. die kleinen feuerspeienden drachen kommen in
verschiedenen versionen: ein 3.0, ein 4.0, ein 5.0 - sie preschen mit
getöse durch die datenwüste und geifern mit heissem atem auf unsere
tastaturen. manche sind auch mit den mäusen kompatibel: msie 6.0. die
mozillas, msies und operas dienen als auge, ohr, gehilfe, denn selbst
sehen und hören wir wenig, wenn wir so durch die telefonleitungen
rauschen und mit tausenden von anderen paketen um die vorfahrt
rangeln. neben unserem heimatort vermag das logbuch auch noch unseren
präzisen abfahrtsort auszukundschaften. auch das letzte quentchen
privatsphäre (bzw. deren illusion) wird uns genommen, jetzt weiss
jeder, dass wir heute morgen nicht von zuhause aus gestartet sind,
sondern von der wohnung unserer heimlichen liebhaberin ... und auch
rusman weiss jetzt, dass wir nicht zuerst auf seiner homepage waren,
sondern direkt aus den tiefen unseres schreibtools kamen. de ist
meine muttersprache, na ja, in diesem fall nur halb korrekt, denn
schwiizerdüütsch ist meine muttersprache, aber wir wollen nicht
kleinlich sein, auch maschinen können nicht ganz alles wissen,
sondern lediglich 99,99 prozent ... und nun mit der sprak kommt auch
der kommentar:

«wie ich reise mit dem auto und die letzte rast war auf dem Rastplatz
30 Kilometer vor Corrbus, da COTTBUS heißt es , da werden
Hängegeranien gepflanzt, die unglaublich wuchern»

- ein unwiderstehliches mitschreibeprojekt. sagt stangl. und fürwahr:
er kommt wieder und wieder als cybersplitter, als stangl, als hangl
tangl ...

++
> Doch Lisa ist von der gemeinsamen Reise alles andere als
>begeistert, sie hat ganz andere Probleme: Sie ist pummelig, fühlt
>sich unattraktiv und hat keinen festen Freund.
>(http://www.christoph-oertel.de/lisa.htm) ++


«liebes logbuch, mach mich nicht heiss akalei, stein bein
und cooler kleiner feiner wein hannes mannes tannes und
verpannes wermut kannes wok mok toq und der kleine froq
mürglen alles in mit der mülltonne quer durch wüün punkt
stop komma und der kleine flop machen alles tippetitopp»


+++
> das log-buch ist tatsächlich unwiderstehlich ... [meint: 195.65.73.117]
:-) scheint so. [meint: frieder rusman]


+++
«// 195.65.73.117 ist das Zuhause. Am 19.08.2002 um 11:06:21 kam ich
an. Mozilla/4.0 (compatible; MSIE 5.0; Mac_PowerPC) ist mein Auge,
Ohr, Gehilfe. Von
http://diskurs.cyberfiction.ch/show.asp?area=develop&diff=absolute
%20wreaders&displaymodus=long&nxplace=diff
kam ich her. de ist meine Muttersprache. mit sack und pack kreuz und
quer durch die virtuellen lande, bis mir der strom ausgeht ...

// 168.143.113.115 ist das Zuhause. Am 19.08.2002 um 13:44:15 kam ich
an. Mozilla/4.78 (TuringOS; Turing Machine; 0.0) ist mein Auge, Ohr,
Gehilfe. Von nirgends kam ich her. de ist meine Muttersprache. kennst
du mich jetzt noch, hannes? wer bin ich? ein anderer als zuvor? mein
avatar? oder ein zitat?»

oder gar das zitat eines zitats? habe ich meine identität gewechselt?
jeder satz hat ein anderes zuhause. und einen wunderschönen browser
habe ich, nicht wahr, da wirst du neidisch: die turing machine in der
version 0.0. ich kann dir sagen, das ist ein wunderding und so wohl
geformt ... und bringt dich im nu überall hin ... und du bist überall
zuhause ...


+++
Guenther Botek wrote
> ...ich sollte langsamer lesen... brauchte drei Versuche...
> (wie soll jemand schreiben, der nicht einmal lesen kann?)

«Ich bin ueberzeugt davon, dass sich [rusman] etwas bei der
Programmierung gedacht hat. Ich hatte (mit meinen lausigen
coderkenntnissen) den Eindruck, dass da ein script arbeitet,
welches die Visitorinformationen serverseitig ausliest und
als direkt verfuegbares (lesbares) dokument dem Uzer auf den
Schirm liefert. Das ist wahrscheinlich nicht so trivial wie
es aussieht. Vor einigen Jahren waere ich wahrscheinlich
sofort in Verfolgungswahnparanoia versunken, wusste ich
doch damals ueberhaupt nichts von client-server- Verhaeltnissen. [...]

Die Seite funktioniert nur, wenn requests auf dem Server auf dem
das script laeuft, aufschlagen. Sobald also eine Anfrage
von (m)einem Rechner dort eintrifft, reagiert das script,
liest just in time die Daten der Besucher aus, notiert diese
auf der lesbaren Seite und stellt dem (anwesenden) Uzer
die neuen Daten zur Verfuegung.

damit die Seite sich also so darstellt, ist es notwendig, dass
von woanders eine Anfrage gestellt wird. dazu ist Aufmerksamkeit
von ausserhalb des Servers notwendig. Wie hoch der Grad der
erreichten Aufmerksamkeit ist, ist direkt auf der lesbaren Seite
jerderzeit aktualisiert fortlaufend einsehbar dokumentiert.

wer silberne Loeffel klaut, (dem Gastgeber ans Tafelbesteck geht)
wird gefeuert. Auf dieser Seite gibt es kein Tafelsilber, nur
Benutzerinformationen, die jeder Server dieser virtuellen
Umgebung jederzeit dem Owner bereithaelt. Mit der Funktion der
Seite, in der Hauptsache die automatisch uebermittelten Daten
linear hintereinanderweg zu horten und transparent zu machen,
diese Daten bezeichne ich als Ueberschriften. So wie es aussieht,
ist es der Seite voellig wurscht, was der Uzer will. Dieser kann,
wenn er will, noch eine Zeile eigenen Code als Beweis seiner Existenz
als Spur im Netz hinterlassen, tut dieser dies nicht, erfuellt die
Seite trotzdem unbeirrt ihre Aufgabe. (ohne dass der Besucher jedwede
Moeglichkeit einer Veraenderung haette, da das Script die internen
Headerinformationen der angeschlossenen Rechner aus der bestehenden
Verbindung entnimmt).

[...]
im Universum der Verbloedeten reichen (genuegen) Ueberschriften
voellig aus, (es besteht eine hinreichende Ursache) um die Illusion
einer vernetzten Welt aufrechtzuerhalten.

allein die Veraenderung einiger Buchstaben in Grosse Schreibweise
bewertet die Satzaussage voellig anders als Guenthers Analyse,
welche mir zeigt, dass Kunst im Detail, manchmal in einem einzigen
Buchstaben steckt. Wer kuemmert sich um die Information im Body einer
Nachricht, wenn die Ueberschrift ausreicht um das Informationsbeduerfnis
zu befriedigen? Das ist fundamentale Kritik an einer Gesellschaft,
die nur noch Ueberschriften bewertet und keine Zeit mehr fuer
Wesentliches hat.»

the best of ... günter boteks reading ...
Log-Buch einer gemeinsamen Reise

«http://www.s.netic.de/auer/logbuch/logbuch.php
... is the home ... eye, ear, assistant ... language
// I came from nowhere.
// geil
// und tschüß
// wenn ich eine uhr wär, dann hätt ich mehr zeit,
um mehr zu schreiben ...
// schreiben schreiben schreiben nix als asciis in einer
welt aus weltlosen zeichen literatur in sekund
// liebes logbuch, mach mich nicht heiss akalei, stein bein
und cooler kleiner feiner wein hannes mannes tannes und
verpannes wermut kannes wok mok toq und der kleine froq
mürglen alles in mit der mülltonne quer durch wüün punkt
stop komma und der kleine flop machen alles tippetitopp
// I came from nowhere.
// maybe
// Oft hört man hier bey stiller Nacht mit heilgem Erstaunen
Trink-Lieder... wurde ich gefragt, wer das interview mit a.s
verbreitet hat.
// johannes auerauerauer, der weblogbauerbauerbauer, der
geht euf eine reisereisereise auf seine weise weiseweise
(der rest, der nicht mehr in das feld ginggingginggingging
ginggingginggingginggingginggin konvertieren intl print
//log das buch? was ist wahrheit in büchern?
_______________sprengtdieform____________________
_______________sprengtdiewurst___________________
// ___***___***who***___***is___******who***___******___
// I came from nowhere.
// Ich weiss nicht wohin mit mir.
// die Daten stimmen nicht -
// bla bla bla
// Ja. Mein Name ist Wrdlbrmpfd.
// eigendlich nicht. das ist schon alles, bin nicht so intersannt
// mensch, ich habe aber viele sprachen... naja, eigentlich nicht
// suct
// I came from nowhere.
// fuck
// ende vor anfang?
// rusman_frieder_hat_auch_das_auch_das_auch_das_
auch_aufmerklsamkeit_in_dosierter_form_formularforumsh
// I came from nowhere.
// gutenmorgengutenmorgengutenmorgengutenmorgen
gutenmorgengutenmorgengutenmorgengutenmorgen
________________________________________________
ichbinwiederda____________________________________
________________________________________________
________________esistmireinvolxfest__________________
________________________________________________
// wermeineheaderueberwachtistmirdochwurschtwermeinedaten
sammeltauch kannmandasumgehenmitdereinenzeile?backtothe
rootsundreplay anewgameJ/N feixjetzthabischsrausjustintime
erzeugungunddokumentationabergegeneinzurueckinderzeitist
dasphpscripta chtlosesistmoeglichmiteinerzeiledieganzeseite
zufuellen,hach! :)
// I came from nowhere.
// die Fassade des Einkaufzentrums wird von 2 Männern mit
Dampfreinigern gesäubert
// my love is bigger than your love! SING IT!
// yup,somehow
// wohin geht's»

II


annäherungen an martina kieninger

(19.08.2002)


spurensuche. mein schreibtool findet sogleich ein bild von martina
kieninger, wie sie da anno 1998 angeregt plaudernd übder den bodensee
tuckert. und noch eines, wie sie mit schönem türkisen ohrschmuck in
die lichter der medien lacht. und noch eines, wie sie in ettlingen
bei der präsentation des literaturwettbewerbs 1999 vor dem computer
sitzt. damals hielt sie einen meterlangen fax in die höhe, den sie
von einem etablierten schriftsteller erhalten hatte, um ein
kooperatives netzstück zu erstellen.

wie der engländer zu sagen pflegt ...
ihre homepage endet auf uy, sie lebt in uruguay. dort arbeitet
kieninger als professorin an der chemie-fakultät der universität
montevideo. ihre forschungen spezialisieren in theoretischer chemie.

kieningers literarische homepage ist mittlerweile von der
wischenschafts-page getrennt und findet sich in der textgalerie.de.

>> http://www.textgalerie.de/mk/
wanzntanzn: aus farende papire fon knabe wondertyte

uy sag ich da nur. die eigenheit ihres ü-ersatzzeichens y hat etwas
verspieltes.

mein tool findet weiter eine autorenpage über kieninger, die für den
bachmannpreis 2000 erstellt wurde. darin das video, das kieninger in
ihrem verwunschenen haus in montevideo bei der literarischen arbeit
und beim einkaufen beobachtet. und die lesung ihres Textes "Die
Leidensblume von Nattersheim". eine geschichte über die
metzgerstochter emma, die sich seit sechs jahrzehnten nur von hostien
ernährt, ab und zu visionen hat und an der sich täglich, mit ausnahme
von freitagen, die wundmale christi zeigen.

kieningers netz-highlights:
+ Die Tangomatrix RückSeitSchluss. ein deutsch-uruguayisches Projekt
in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Montevideo und der
Stadtbücherei Stuttgart
+ Der Schrank. Die Schranke. 1 Hypertext-Szene (20 kB kalter Kaffee:
Beitrag zum 1. internet-Literatur-Wettbewerb 1996 der ZEIT)
+ Die Falle. Der Fall. 1 rap
+ La manga de Iemanja. un rosario
+ Der Netznutz. nixnutzige netzbetrachtungen

martina kieninger:
Der Schrank. Die Schranke. 1 Stück Theater für 1 Denker im Denktank


wer ist das? fidel castro vor dem offenen kühlschrank?
selbstbedienungsladen für uniformen? martina kieningers erkenntnis
aus ihrem leben in südamerika?

«Hier drücken»

«Ort: 1 ländlich-volksstückhafte Wirtshausstube am Ende der
Datenautorbahn, 1 Biertresen, 1 Schrank.
Zeit: abends, nach Erledigung des Tages.»

zwei dämonen, ein regisseur und ein schrank bevölkern die virtuelle
ascii-bühne, auf der sich das volksstück abspielt. die "daemons"
haben doppelte funktion, sie fungieren einmal inhaltlich als dämonen,
zuerst aber in technischer hinsicht als transporteure der netzdaten,
als computerprogramme, die das lesen des textes erst erlauben,
vielleicht als technische protokolle tcp und ip?

«1. daemon: he, daemon wohin so eilig?

2. daemon: durch netze und kabel,

durch dicke und dünne

verdrahtetes babel

verkabelte sinne

ich trage akten

informationen

sinnlose fakten

die den weg nicht lohnen (s3.htm).»


der regisseur liegt im bett, hat immer die bequemste position und
brüllt seine anweisungen. die beiden dämonen starten einen absurden
dialog, ein mann namnes schrank tritt auf, er wird sogleich
nidergeschlagen. und nun beginnt die fragerei "was ist ein schrank?",
woher, wohin,

«die sinnfrage in fortran [(2b).or.(.not.2b)]».

wird diese formel englisch ausgesprochen, dann liest man das
shakespeare-zitat "to be or not to be..." (hamlet iii,2). ein zitat
der klassischen literatur wird in eine formel der computersprache
umgesetzt. wird so die sprache der programmierer zur literatur
erhoben, oder wird ein klassiker der weltliteratur zur bloßen formel
degradiert?.

die beiden dämonen machen weiter immer am rande von sinn und unsinn.
der revoluzzer tritt aus dem schrank, der berufsleidende. er erhält
ein pils von der wirtin.


«1 (anklagend): Ich kann kein Französisch

Revoluzzer (übersetzend): Die Sonne brüllt.

Schrank (im Plauderton): Ionescu hat seine Sätze
aus einem Übungsbuch abgeschrieben.

2 (übersetzend): Und die Vögel vögeln.

Revoluzzer, zeigt auf Schrank: Was ist denn das
fü?r eine miese, kleine Bildungsbürgerratte?

Schrank (sich vorstellend): Schrank, angenehm.»


[...]


«Ein Ordnungsdiensthüne stürzt auf die Bühne:

schrankt undanke Gedanken in einen Denktank,

2 Meter hoch, 1 Meter lang.

Aus der Summe aller Schränke

rechnet Schrank das Unbeschränkte:

keine Schranke schrankt die Summe aller Schränke!»


«wa-tak!», «aaah!», «ka-poof!»
13 ascii-grafiken setzen die bühnenszenen bildlich um. das prügeln
beansprucht dabei wie im richtigen leben immerhin 9 der 13 szenen.
die prügelei visualisiert sich durch lautmalerische ausrufe wie
"argh!", "wa-tak!" oder "ka-poff!!" - ein ascci-comic-strip:
"attacke!"

und bevor der vorhang fällt oder die schranktür zufällt, lassen wir
die autorin nochmals zu wort kommen:

«Alles hat ein Ende, nur das Netz hat keins,
HURRA! mein Schatz, ich trink noch eins,
doch Du darfst nicht traurig sein,
im Netz bleibt man nicht lang allein,
DENN:
Alles hat ein Ende, nur das Netz hat keins,
mein Schatz, ich trink noch eins!»


III


annäherungen an oliver gassner

Oliver Gassner ist ein Switchboard der literatur im netz. ein
Tausendsassa, ein hansdampf, war als lehrer in jeder Schulpause stets
online am diskutieren. Seine Homepage heisst: Switchboard - Literatur
im Netz - Literature Online. heute arbeitet er bei einem provider und
ist noch häufiger online zu finden. seine projekte sind zahlreich:
von olli's links über laokoon zu carpe, alexana zu carpe librum und
carpe pagina und bücherbrett zu literaturwelt und textratouren.
verzeichnisse von tausenden von literarischen links, die sorgfältig
und fein säuberlich mit knappen oder weniger knappen beschreibungen
aufgearbeitet wurden, tausende von rezensionen, suchmaschinen für
literarische sites und digitale literatur, aktive
mailinglistenbetreuung und so weiter und so fort und förter ...

nur über oliver gassner selbst findet man nicht viel. seine hompage
umfasst eine knappe bio und links zu zwei interviews in netzarchiven.

textratouren heisst die sammlung seiner literarischen projekte, sie
wird als cd-rom herauskommen im update verlag, zürich. gassner
präsentiert darin paper-copy-mail.art: seine copy- und
paper-art-texte der achtziger und anfang neunziger jahre, die
weiteren texte konkreter literatur der neunziger jahre, die dann in
die digitale literatur münden, die sich stets auch mit dem
entstehungs- und produktionsprozess des digitalen textes befasst.
vier texte sind es: kwadrant x/y, tango rgb, utopia 2k, noise99.


oliver gassner:
tango rgb
colors of passion - farben der leidenschaft

die farbigen kleinen quadrate tanzen den tango rotgrünblau, während
oliver gassner schnalzt, scratcht, plätschert und grunzt. für einmal
setzt er also sein mundwerk eher nonverbal ein ;-) - ist aber
trotzdem zu hören.

«this installation makes use of wav-sounds - diese installation
benutzt wav-klangdateien.»

die quadrate tanzen den leidenschaftlichen tanz des tangotänzers
gassner. dabei kombinieren sich die farben zu immer neuen, schneller
sich entwickelndnen formen. ein rhythmischer tanz. und sie verändern
sich auch in der grösse, die farbigen linien werden grösser, dann
wieder kleiner, bis sich die gesamte form der quadratischen
tangofläche verändert und zu vier quadratischen flächen mutiert, von
denen vorerst zwei von den kleinen farbigen quadraten besetzt werden.
die ständige veränderung ist genauso stilmittel wie die drei
grundfarben und die grundform des quadrats im quadrat. gassner
arbeitet mit minimalistischen methoden konstruktiver bzw. konkreter
Kunst.

rotgrünblau. blau. blau. blau. weiss. grün. grün. weiss. rot. rot. rot. weiss.

«Bei der Konkrete Kunst sind die Gestaltungselemente der Gegenstand
der Kunst. Sie präsentieren sich selbst als eine eigene Welt, ohne
eine Welt außer sich abzubilden, also ohne Abstraktion. [...]
Konkrete Kunst meint Gliederung als Struktur, Textur, Thematisierung
von Materialien als autonome Formen.» [
http://www.dikuko.de/frame/index.html ]

«Aus kreolischen, europäischen und afrikanischen Einflüssen entstand
vor 100 Jahren am Rio de la Plata der Tango als Musik und Tanz der
Armen, Entrechteten und Heimatlosen. In seiner Heimat verachtet,
eroberte der Tango Anfang unseres Jahrhunderts die Salons der
europäischen Aristokratie. Komponisten wie Maurice Ravel, Kurt Weill
oder Igor Strawinsky ließen sich inspirieren und schrieben Tangos.
Während sich danach in Europa aber immer banalere Formen des Tango
durchsetzten, entwickelte er sich in Buenos Aires zu "einer der
großen Kunstmusiken des Jahrhunderts" (Arthur Rubinstein).» [
http://www.goethe.de/z/10/forum/03_97/detango.htm ]

rotgrünblau. grün. rot. rot. rot. grün. grün. grün. rot. grün. grün. grün.

«Jeder Versuch, eine sogenannte konkrete Literatur in den Griff zu
bekommen, ist vor allem durch drei Umstände erschwert: durch ihre
Internationalität, ihre Vielsprachigkeit und eine daraus
resultierende Variationsbreite des Selbstverständnisses, durch die
Verstreutheit des oft nur schwer zugänglichen Materials und durch
eine Vielzahl nicht nur terminologischer Unschärfen und Differenzen.»
[ Reinhard Döhl 1971: http://www.reinhard-doehl.de/konkret1.htm ]

"tango rgb, colors of passion, farben der leidenschaft":
experimentelle rhythmische farbzusammensetzungen: das quadrat aus
vorerst 64 kleinen Farben erscheint in immer neuen kombinationen:
zuerst ganz rot, dann sich stetig verändernd in vielfältigen
kombinationen, die als bewegungsablauf tangoschritte simulieren. farb
und ton fügen sich dem festen tangorhythmus. schliesslich tanzen zwei
kleinere quadrate den tango zu ende. der tanz dauert mehrere minuten.
er könnte genauso gut ganze nächte dauern. eine liebeserklärung ans
leben und an die leidenschaft.

IV


annäherungen an sylvia egger

im foto-departement ist wenig los: ein bild aus dem literatur-cafe,
das sylvia egger auf dem podium einer veranstaltung in berlin 1999
vor einer grossen wandtafel zeigt ...

«es liest präzise gegen den literatur betrieblichen blindgang: sylvia egger.»

dafür ein animiertes text-bild in walter gronds house:

«hold back the edges of your guns,ladies we are going right through
ginsbergs pants while we blow away the best minds of our generation
[...]»


serner.de
perspektive.at


«gemeinschaftstextlage: perspektiven
gemeinschaftstextlage - li: wenn es dunkel ist, gehen die lichter
an. jede idee
will profit schlagen. das muß doch einleuchten! und
nochwas: auch unser vokabular besteht aus
buchstabierbarer pappe. denn nur eine richtige kulisse
verheißt dramatische konkurrenz von kompetenten
ausmaßen. eine anständige sauerei! ...»


sylvia egger: piep-show. around the word in a minute.

piep: vorsicht, mein herr, bitte nicht www.piep.de anwählen, das
dürfte, könnte ... führt zu blossgelegten gliedrigkeiten - und
vorsicht, mein herr, verirren sie sich auch nicht zu
www.piep-show.de. danke denn, seien sie gegrüsst, immer ihre hand am
hutrand. schön brav bleiben und www.serner.de/piep/start.html
eintippen, das wird genügen, um eine rechte anzahl ihrer hirnzellen
anzuregen. vertrauen sie mir. erfolg garantiert in so manchem
departement. sinn oder unsinn oder sunsinn, seien sie so gütig und
wählen sie ihre lieblingsnummer.

«ruf mich an»
die alte wählscheibe des schwarzen telefons in all ihrer simplen
pracht. das mechanische zurückschnellen der wählscheibe klingt noch
in unseren ohren nach. «ruf mich an» sagen die neun wählpunkte, die
ziffern sein sollten. nein, keine neunhunderter-flötenstimme, sondern
eine stimme aus den zwanziger jahren mit vollem timbre, durchaus
erotisch. «have you ever kissed a letter before?» dazwischen sorgen
drei telefone für die abtrennung der worte. «welcome to klitorama».
sie geben sich bei mouse over als männer oder freier zu erkennen,
während sich hinter den einzelnen buchstaben allesamt frauen in posen
verstecken. «schnürauge und anglertaille».

vor dem guckloch, in gebückter haltung, lauernd, hohe schuhe, hinter
dem guckloch: «perspektivenwechsel: selbstbeobachtung durchs
schlüsselloch: perspektivischer aufriss - und wen sich das korsett
jetzt öffnet?». elegant gekleidet mit einer Mappe in der Hand:
«korsett- und taillenbezogen ... spiegelschriftlich». im breiten rock
mit hochgestecktem haar und ein buch vor sich hinhaltend,
gouvernantenhaft: «schnell, klappern sie mit ihrer buchscham». adrett
gekleidet, langes haar, ein bein kokett angewinkelt, mit
serviertablett, immer zu diensten: «die illusion wird immer perfekter
... schnürseelchen ...». ein zwanziger jahre hut, vorgebückt, hand
ausgestreckt, buchshüfte: «eine muntere guckkastenamöbe eben».
elegante geschäftsfrau mit koffer im schnellen gang: «korsett- und
taillenbezogen ... spiegelschriftlich - ein song wie ein loses
massband». tänzerin mit wehendem gewand, a woman is a boxer: «welcome
to klitorama: werfen sie sich ins zeug für jeden venushügel».
melusine an einer demonstration. suffragette. vorgebückt in die
andere richtung mit dem knabenhaften stylischen hut: «welcome to
klitorama: werfen sie sich ins zeug für jeden venushügel». die drei
männer werbend mit zylinder. einer mit blumen, einer auf knien und
einer gerade am vortragen einer elegie. walter serner hätte seine
helle freude daran ... «damenseidenstrümpfe sind unschätzbar. eine
vizekönigin ist ein fauteuil. weltanschauungen sind
vokabelmischungen. ein hund ist eine hängematte. l'art est mort. vive
dada!»

V

annäherung an reinhard döhl


«"Ich versuche gerade die Höllenmaschine in Gang zu kriegen", sagt
er, sitzt in seinem Büro in der Stuttgarter Universität, mausklickt
und wartet auf die Zeichen. die Wörter auf der Schirmfläche vor sich.
Die Zeichen, die Wörter in der richtigen Reihenfolge. Auf dass sie
Sinn ergäben. Aber was ist schon Sinn und was ist Unsinn? Und
manchmal ist die falsche Reihenfolge die richtige.

Und weil Reinhard Döhl, der Mann, der da vor der Höllenmaschine
namens Computer sitzt, bei den sprachlichen Zeichen, den Wörtern, oft
auch die umgedrehte Reihenfolge liebt: sei das Sätzlein, mit dem er
da den Gast in seinem Uni-Büro begrüßt, schnell mal ein bisschen
verzwirnt, um zu sehen, ob die Sprache etwas weiß über diesen
Reinhard Döhl, das sie nur ausplaudert, wenn man ihr die Mütze
verkehrt herum aufsetzt.»


mein erstaunen ist gross, als das schreibtool als erstes bild von
reinhard döhl, das es im netz findet, auch mich zeigt: neben susanne
berkenheger und reinhard döhl in kassel 2000 breit in eine kamera
lachend ...

das zweite bild zeigt reinhard döhl und johannes auer in solothurn
2001 bei ihrem vortrag, als zentrum des bildes ein blatt papier.

reinhard döhl ist bisher der einzige langjährig bekannte autor, der
sich wirklich mit haut und haaren auf das neue medium internet
eingelassen hat.

zuerst hatte er in den 50er und 60er jahren textversuche mit
computern gemacht und eigene textexperimente umgesetzt. konkrete
poesie, konkrete literatur eben. und ist in den neuzigern zusammen
mit johannes auer weiter ins digitale medium vorgestossen. er sagt
dazu: "uns war dabei stets der bewusste verzicht auf technischen
overkill vorrangig zu gunsten präziser experimenteller reflexion der
grundlegenden möglichkeiten von computer, netz und literatur."

das gesamte werk von reinhard döhl findet sich mittlerweile im netz.
es wird von der berliner akademie der künste archiviert und gepflegt.
www.reinhard-doehl.de

reinhard döhl: das buch gertrud


die urversion stammt aus den jahren 1965 und 1966. die
hypertext-version enststand 31 jahre später.

rosengarten, bunte steine, grabstein. deutsch und englisch. a rose is
a rose is a rose is a rose ... auch wenn die abstände zwischen den
buchstaben sich verändern is a rose a rose. und die rose ist rot und
sie wird zu einem k, sie erhält einen is-stil, sie schliesst sich und
öffnet sich, sie verdoppelt sich, spiegelt sich, schliesst sich. und
der rosengarten wird grösser form und die rosen verbinden sich zu
rosensträussen und verändern ihre form, rund und wieder zu und auf
und zu und rund form. a rose is eben a rose.

ein rosensteingarten ist ein rosensteingarten. die steine sind
steinfarben. graublau. ein stein ist im rosen garten. ein stein im
rosen garten ist. und etwas raum dazwischen, ein paar wege, um zu
spazieren und nachzudenken. die steine verdoppeln sich, liegen
nebeneinander und sprechen zu einander. sie werden grösser und
breiter und wieder kleiner und schmäler. gertrude stein ist ein stein
im rosengarten, stein gertrude. sie wandelt sich, verliert hie und da
ein eckchen, ein steinsplitter, das e, das n, ja selbst das g. doch
die splitter sind immer irgendwo noch da. die formen ändern, raute,
schräge striche, schraffuren, kieselsteine, die wie in einem
japanischen garten gerecht werden. die kiesel sprechen zu einander
und denken und laden ein und aus und bleiben im garten der rosen als
steine.

epitaph. grabstein. gertrude stein alice b toklas. these stanzas are
done by. die buchstaben bleiben einzeln stehen. alles löst sich auf.
die buchstaben nehmen eine lange pause, bleiben unsichtbar,
verschwinden, verwittern, sind nicht mehr da. ganz langsam vergilbt
der abend. eine lange pause ______r _____a ______g boa, caes, re re
ge ge, tr ru ud de, ein stein in a. doch ein epitaph ist da. «Why am
i if i am uncertain reasins may inclose. Remain remain propose repose
chose.» «ich komme an wenn ich nicht komme ich komme wenn ich nicht
ankomme ich bin wo ich nicht komme wo ich nicht bin komme ich».

die sprache springt über steine. a stein is a stein. b kieselsteine,
felsbrocken, blöcke. c die sprache springt und dreht sich dabei und d
wendet und fliegt und stürzt. blöcke werden zu kieseln, werden zu
einer figur gerecht, kieseln werden zu felsblöcken, bekommen
monumente der erkletterung. alice b ist da toklas. wo ist heidi? wo
ist gertrudde die hudde? stein ist da. heidi ist nicht da? anna es
ja. anna es? ja anna es ist ein stein. ein kiesel ist ein block ist
eine rose ist eine rose. «i am very busy finding out what people mean
by what they say.» das ist ein unvollständiges portrait gertrude
stein. huddestein. unvollständig ist vollständig ist ständig
unvollständig vollständig.


«"das buch gertrud" ist der ansatz eines umfassenderen
gertrudesteinprojekts. es wurde in den jahren 1965/1966 geschrieben.
einige texte sind älteren datums. angeregt von gertrude steins "three
lives" [...] und die übersetzung von b.f. skinners essays hat
gertrude stein ein geheimnis? für den "augenblick" [...], enstand der
plan einer trilogie, die mit den mitteln experimentellen schreibens
drei frauen portraitieren wollte: "das buch es anna", "das buch
gertrud" und "das buch heidi". alle drei bücher blieben fragment.
veröffentlicht wurde ausschließlich das buch es anna (1966).
anläßlich des mehrjährigen stuttgarter gertrude-stein-projekts (1992
ff.), das erneut an die bemühungen der stuttgarter gruppe/schule um
das werk gertrude steins anschloß [...], und der arbeit an dem
konversationsstück in vier sätzen und einem aprèslude, es war morgen
was gestern war oder die reise nach jerusalem [1993/1994], wurden
auch alle noch auffindbaren texte des "buch[es] gertrud"
durchgesehen, dem ursprünglichen konzept entsprechend
zusammengestellt und 1996 mit einem epilog endgültig abgeschlossen.
gleichzeitig wurde 1966 die ausstellung "memorial gertrude stein"
aufgebaut, für das internet zusammen mit Johannes Auer zum 50.
todestag gertrude steins ein "epitaph gertrude stein" errichtet und
eine hypertext-version von "das buch gertrud" hergestellt.»

« des steinklopferhannes

wer auf bein beißt
muß steinstiegen steigen

wer stein nicht heben kann
muß wälzen

unmöglich ist härter als stein

steineichen mußt du weichen
steinbuchen mußt du suchen

stein kommt selten allein
meist kommen sie zu zwein

i bone
up the rolling stone

stone me, gertrude
let's stone the crows

love me tender
button yours lip

when i was button holed by gs
i was buttoned up
and down the back
as bright as a button

she gave none about tender buttons

vier steinheilige in drei akten
vier heilige akte in drei steinen
vier aktsteine in drei heiligen

steinmutterallein
steinmutterseligallein
steinbeinmutterseligallein
[the mother of us all]»


VI

annäherung an susanne berkenheger

zwischenruf: «schlecht: susanne hat sich leider aus dem projekt
verabschiedet.» das ist aber zu schade, so schade, dass ich susanne
nicht aus dem projekt verabschiede. denn sie hat uns so einiges zu
sagen ...

«Neulich im Internet passierte ist mir folgendes: Ich hatte mich
verirrt, hatte auf ein falsches Link geklickt und wollte schnell
zurückeilen zu meinem Ausgangspunkt, als ein Fensterchen mich
aufhielt: "Geehrter Besucher, Sie haben sich weniger als 0,3 Sekunden
Zeit genommen, unser Internet-Angebot zu prüfen. Glauben Sie
wirklich, das sei ausreichend? Wollen Sie nicht noch mal
zurückkehren?"

Wenn Bücher das könnten? Ein Buch, welches ich nach den ersten Seiten
mit einem Gähnen und der ratlosen Frage auf den Lippen "Was will mir
dieser Text nur sagen?" beiseite lege, könnte aufblinken, hupen, mich
beschimpfen "Hey, ich bin dir wohl zu hoch" oder locken: "Auf Seite
vier werde ich wirklich spannend." Es könnte auch diskreter,
geistreicher reagieren und stillschweigend seinen Inhalt ändern oder
seinen Hauptpersonen zuflüstern, daß ich schon auf der ersten Seite
das Interesse an ihnen verloren habe. Sollte ich später einmal
weiterlesen, wie würden die mit mir sprechen?

Eines ist sicher: "Was will der Text mir sagen?" wäre nicht mehr das
zentrale Problem. Vielmehr würde mich die Frage quälen: Was hat
dieser Text mit mir vor? Wie komme ich wieder raus? Was kann ich tun?
Und was weiß der Text noch von mir?»


susanne berkenheger setzt die technischen elemente des neuen mediums
internets als literarische mittel zur dramaturgischen inszenierung
eines textes ein. in "hilfe! ein hypertext aus vier kehlen" werden
programmatisch kleine browserfensterchen als figuren genutzt, die
dialoge miteinander führen. hilfe! die fensterchen reden! sie trinken
und plaudern, geniessen ihre unverfrorenheit, sie quälen sich,
hintergehen einander, kloppen und lieben sich. deutlicher noch wird
dieser bildschirmbühneneffekt im neuen projekt "der
schwimmmeisterin". hier werden auch einige geschehnisse mit minimaler
inszenierung verbildlicht.

die performanz der fensterchen. die dramaturgische inszenierung bei
berkenheger verändert nicht zuletzt auch durch die wahl der elemente
die sprache: die dialoge erhalten einen ausgesprochen mündlichen
charakter, was dem charakter der sprachverwendung in chaträumen sehr
ähnlich ist. dieses phänomen ist weit verbreitet und prägt sowohl
einzelne anwendungsdienste als auch den sprachgebrauch vieler
regelmässiger internet-user. berkenheger nimmt lässt diesen umstand
automatisch in ihre texte einfliessen, geht virtuos mit der neuen
oraliteralität um und verändert somit auch unsere sprachperspektiven
als leser und rezipienten ihrer geschichten.

«Oase lüsterner Assoziationen ... Ruf in die Wüste» wer verirrte sich
nicht gerne in der wüste ... Und nun der Ruf ins Sprudelbad ... ab
ins kühle chlorierte Nass ...

«vorbeitreibende liebesobjekte in badehosen mit dem cursor
abzuschiessen, war ihr einziges vergnügen.»

susanne berkenheger: die schwimmeisterin (2002)

«
~~~ nach drei monaten trainingscamp im münchner haus der kunst ~~~
~~~ sprang die schwimmmeisterin am 24. juni ins netz ~~~
~~~ http://www.schwimmmeisterin.de ~~~
~~~ achtung ~~~
~~~ hyperfiction spielt im auge der microsoft-besatzungsmacht ~~~
~~~ tarnkleidung (pc und internet explorer) zwingend
vorgeschrieben ~~~ »

diese anmassung: den leser der besatzungsmacht von microsoft
vollkommen auszuliefern! was ist, wenn ich mich jetzt verweigere,
weil ich dem bill gates nicht noch mehr geld und ruhm in die tasche
schaufeln will? hmmm, besatzungsmacht, langsam. susanne hat immer
noch einen weiteren kniff bereit ...

die erschafferin und herstellerin der schwimmmeisterin gewinnt
nämlich nicht nur inhaltlich, sondern auch technisch die kontrolle
übder den ganzen text zurück. der autor befreit sich von der freiheit
des lesers als mitautor! ich schreibe den text und ich zeige dir, wie
du und wo du surfen musst! ein zweiter mauszeiger übernimmt
automatisch die kontrolle und degradiert den hyperfiction-surfer zum
beobachter, der nicht mehr eingreifen kann. die wahl des pfades
gehört dem autor. leser, ich zeige es dir, wenn du meinst, du
könntest einfach so abschweifen und die dialoge meiner schwimmerinnen
und schwimmer, den erotischen und weniger erotischen, und der
bademann- und frauschaft in den wind schlagen!

der leser wird sehr stark vom autoren gegängelt. es bleiben ihm
lediglich noch einige wenige wahlmöglichkeiten, viele werden ihm
direkt weggenommen und er wird mit einem zweiten cursor direkt auf
die richtige abfolgewahl gelenkt. die gängelung, die in hilfe noch
sehr unauffällig war, wird hier sehr penetrant ...
die zuhörer in romainmotier (juli 2002) mindestens thematisieren
diesen tatbestand stark. susanne propagiert die wiederverankerung der
autorin, die entmachtung des lesers als mitschreiber, co-autor. dem
leser oder zuhörer wird klar gemacht, dass er keine wahl hat ...

«trrrrrrrrrrrrrrrrriiiiiiiiiiiiiiiiii ... »

die präsentationsvariante der schwimmeisterin wartet mit einigen
überraschungen auf: weglassungen und einer trillerpfeife, die den
funkmauslenker und die zuhörer penetrant zurechtweist, bzw. den
richtigen weg weist: jetzt musst du klicken, du depp, hopp, hopp! dem
zuhörer/zuschauer wird nämlich der text visuell vorenthalten und nur
auditiv enthüllt. das auditive aufnehmen des textes durch vorlesen
löst aber beim versierten publikum ziemliches unbehagen aus. die
online-variante würde zu mehr interaktion führen, sind die zuhörer
überzeugt. tilman sack ist schockiert, er vermisst beider
schwimmeisterin diese auseinandersetzung zwischen autor und
zuschauer/funkmausklicker, der jetzt halt nur noch von der autorin
gegängelt wird und beim einzigen versuch auszuscheren zur ordnung
gewiesen wird. «trrrrrrrrrrrrrrriiiiiiiiiiiiiii ... »
die präsentationsvariante ohne lesbaren text und mit den
trillerpfiffen soll den zuschauer auf die wichtigen stellen lenken:
die links ..., sagt susanne ... «trrrrrrrrrrrrrrriiiiiiiiiiiiiii ... »

schwimmbad, hallenbad, sprudelbad ...: das dante bad ist ein
erlebnisbad ..., indem dante bereits herumplanschte, ein bisschen
fegefeuer hin, ein bisschen jod dort ... die schwimmmeisterin sieht
da körper ohne köpfe an den monitoren vorbeischwimmen ... (niedlich,
ganz praktisch ...)

der bildschirm erzittert im kachelmuster des hallenbades. die
schwimmer ziehen vorbei. wo starten sie eigentlich, die schwimmer?
ausserhalb des beckens, zumindest ausserhalb des bildschirms. wie ist
das möglich? nur bei microsoft, da dies ein bug ist. mit javascript
lassen sich nämlich browserfenster ausserhalb des bildschirms öffnen,
und dann schwimmen sie über die oberfläche und verschwinden auf der
anderen seite wieder aus dem bildschirm. netscape lässt so etwas
nicht zu, opera nicht, apples systeme ebenfalls nicht. so bleibt also
die schwimmmeisterin alleine den micorsoft-konfigurationen explorer
plus windows-system vorbehalten. und dies alleine deswegen, weil
susannes schwimmbad hier einen programmierungs-bug des systems
ausnutzt, um die figuren in die geschichte zu bringen. die gesamte
story der schwimmmeisterin basiert also technisch auf einem bug, der
es ermöglicht zu grosse fenster (objekte) für den bildschirm zu
konstruieren, bzw. fenster zu öffnen, die sich ausserhalb des
bildschirms befinden ...

also keineswegs eine anmassung, sondern eine subversion.
untercode-schwimmen, freestyle durch die microsoft-lücken-welt.

«vorbeitreibende liebesobjekte in badehosen mit dem cursor
abzuschiessen, war ihr einziges vergnügen.»

irgendwann wird auch microsoft diesen bug finden ...

man kann nur hoffen, dass es noch eine weile dauert, damit die
schwimmmeisterin noch lange ihre schenkel, der praktikant seine
schnellen finger, die losgerissenen bikinis ihre auftauchmanöver und
der hai noch lange über die bildschirmwellen ... schwimmen, zeigen,
sprudeln und gluckern.